mehr als 100 Jahre Arbeiter-Baugenossenschaft Paradies

Um die Jahrhundertwende (1871) wurde das wilhelminische Berlin Mittelpunkt der monarchistischen und großbürgerlichen Repräsentation. Gleichzeitig wurde die expandierende Industrie- und Wirtschaftsmetropole zum Anziehungspunkt der arbeitssuchenden Landbevölkerung. Der Wohnungsmarkt lag in den Händen der spekulativen Unternehmen, es entstanden Wohnungsnot und katastrophale Wohnbedingungen für die minderbemittelte Bevölkerungsschicht. Zusammengepfercht auf Hinterhöfen auf engstem Raum träumte das Industrieproletariat von besseren Wohnbedingungen frei von Mietwucher. Das Ideal war eine Wohnung mit 2 Stuben, eine Küche und ein Bad sowie ein kleines Gärtchen im Grünen.

Mit der Gründung der ersten Wohnungsbaugenossenschaft ab 1886 entstanden erstmals eigene Selbsthilfeunternehmen von Wohnungssuchenden. Die Namen dieser Genossenschaften wie „Obstbaumkolonie“, „Eden“, „Freie Scholle“ und auch „Paradies“ brachten die Wünsche und Träume ihrer Gründer zum Ausdruck. Gustav Voigt, von Beruf Malermeister und SPD-Mitglied, popularisierte in Zirkeln und Debattierclubs den Selbsthilfegedanken und eröffnete Möglichkeiten, aus der Wohnungsnot und dem Mietwucher herauszukommen. So war es vorrangig seiner Initiative zu verdanken, dass sich am 4. März 1902 18 Personen zusammenfanden und unsere Genossenschaft gründeten.

Am 28.03.1902 wurde dann der Name – Arbeiter-Baugenossenschaft Paradies e. GmbH – beschlossen und die Satzung verabschiedet. Am 18.10.1902 erfolgte die Eintragung beim Königlichen Amtsgericht, Abt. 88, Gen. Register 260/4 a. Im November 1902 waren bereits 1470 Mitglieder der Genossenschaft beigetreten. Am 25.10.1903 wurde dann der Beschluss zum Landkauf – 146 Morgen – (entspricht ca. 36,5 Hektar) in Bohnsdorf gefasst. Somit begann unter beschwerlichen finanziellen Bedingungen 1907 der Bau von Wohnungen in zunächst 3geschossigen Häusern an der heutigen Buntzelstrasse und 1917 nachfolgend Einfamilienreihenhäuser in der Quaritzer Strasse und Siebweg.

Nach Aussagen von Zeitzeugen wurde bei der ersten Grundsteinlegung neben der Tageszeitung „Vorwärts“, „Lokalanzeiger“ und „Berliner Tageblatt“ auch ein Spruch eingemauert:

„Die Sehnsucht nach dem Vaterhaus hat mit vereinter Kraft dich gegründet, den Genossen ein Segen, den Nachkommen ein Vorbild zur Nachahmung.“

Der Schriftsteller Rudi E. Greulich beschreibt in seinem Roman „Des Kaisers Waisenknabe“ in einer sehr spannenden und anschaulichen unterhaltsamen Art, wie die „Paradieser“, aus der Stadt nach Bohnsdorf gezogen, sich als Städter gegenüber den Bauern behaupten mussten. Die Errichtung der Gartenstadtsiedlung Paradies verlief in Etappen bis 1939. Es war ein beschwerlicher Weg. Die Beschaffung von Hypotheken war kompliziert, weil auf dem Geldmarkt „Vorortbauten“ zweifelhaft schienen.

Die Mitglieder der Genossenschaft wurden durch den Vorstand immer wieder ermahnt, ihre Spareinlagen einzuzahlen, und sie waren immer wieder unterwegs, um Geld für den Neubau zu beschaffen. In einem Protokoll des Zentralverbandes der Buchdrucker und Transportarbeiter wurde berichtet, dass man sich sogar in „höchsten Kreisen“ für die Genossenschaft Paradies interessierte. Der Kaiser habe in zwei Schreiben den Ministern sein Interesse an den Tag gelegt. Trotz des fehlenden Geldes war die Genossenschaft konkurrenzfähig, nirgends wurde zu dieser Zeit auf diesem Gebiet etwas Besseres geleistet. In der Genossenschaft wurde ein großer Teil des unbebauten Landes parzelliert und an Mitglieder verpachtet. Es wurden Gartenfeste gefeiert, die jedem alten Bohnsdorfer noch heute in guter Erinnerung geblieben sind.

Die Wirtschaftskrise nach dem 1. Weltkrieg und die durch vorhandene Not entstandenen Mietrückstände stellten die Genossenschaft auf eine harte Probe, die jedoch durch eigene Kraft überwunden wurde. Gemeinsam mit der GEHAG und seinem Chefarchitekten Bruno Taut wurde weitergebaut und erst der 2. Weltkrieg brachte die Bautätigkeit der „Paradies“ zum Erliegen. In der Krummestrasse waren bereits für 4 Wohngebäude mit je 8 Wohnungen die Kellergeschosse fertig gestellt, sie wurden nach dem Krieg zugeschüttet und einplaniert.

Am 8. Mai 1945 war der Krieg zu Ende und die „Paradies“ hatte 35 Wohnungen und die Geschäftsstelle in der Paradiesstrasse durch Zerstörung verloren. Schon am 29. Mai 1945 wurde in einer Generalversammlung ein neuer Vorstand und Aufsichtsrat gewählt und es wurde ein erneuter Kampf um die Erhaltung der Selbstständigkeit und des Bestehenbleibens erforderlich. Mit der Kommunalisierung des Wohnungsbestandes nach Gründung der DDR sollte die „Paradies“ in die Berliner Wohnungsverwaltung integriert werden und ihre Selbstständigkeit verlieren. Dagegen wehrten sich der Vorstand und Aufsichtsrat und es gab dazu Schreiben und Widersprüche bis in die höchsten Kreise der Regierung. Es brachte Erfolg und mit der Umbildung der Genossenschaft in den 60iger Jahren wurde die ABG Paradies eine Gemeinnützige Genossenschaft – GWG mit einer Satzung.

Somit gab es im Ostberliner Stadtteil 29 Arbeiter-Wohnungsbaugenossenschaften (AWG´en) und eine GWG – die Arbeiter-Baugenossenschaft Paradies. Die Nachteile dieser Selbstständigkeit unserer Genossenschaft wurden bald sichtbar. Hatten die AWG´en hinter sich einen Trägerbetrieb als eine materielle Stütze, war die „Paradies“ auf sich selbst gestellt. Sie war eher benachteiligt als staatlich gefördert, privatem Eigentum gleichgestellt. Neubauabsichten, die durch Vorstand und Aufsichtsrat beantragt wurden, kamen nicht zur Ausführung. Gelände der „Paradies“ in der Cohnstrasse wurde durch eine andere AWG bebaut, es hatte gewissermaßen eine unrechtmäßige Enteignung stattgefunden.

So verging die Zeit der DDR und in diesen Jahren verfiel der Bestand der Wohnhäuser immer mehr. Viele aktive Mitglieder nutzten ihre Beziehungen und Verbindungen, um diese Situation zu lindern und legten durch Eigenleistungen selbst mit Hand an. Durch Staatsratseingabe eines VVN-Mitgliedes wurde sogar erreicht, dass 2 Wohngebäude in Dach und Fassade instandgesetzt wurden – ein Tropfen auf den heißen Stein. Bedingt durch diese Situation, traten in den Jahren 1945 bis 1990 keine Neuverschuldungen ein, die sogenannten Altschulden aus den Jahren 1905 bis 1939 waren bis auf einen kleinen Rest vollständig abgetragen. Eine beabsichtigte Angliederung der Genossenschaft an eine AWG im Rahmen der durch den Magistrat geplanten Konzentration und Territorialisierung der Wohnungsbestände konnte durch eine Befragung der Mitglieder abgewendet werden. Somit ging die „Paradies“ mit nahezu entschuldeten Grundbüchern und beträchtlichem Eigentum an Land und Wohngebäuden sowie in erhaltener Selbstständigkeit und unter dem Namen von 1902 in die Marktwirtschaft über.

Es wurde erneut die alte Tradition des Vorstandes aus der Kaiserzeit fortgeführt unterwegs zu sein, Geld zu beschaffen, um die Genossenschaft zu stabilisieren und weiterzuentwickeln. Und das wurde mit sehr viel Leidenschaft durch den Vorstand getan. Vorhandene Förderprogramme des Senats wurden beispiellos genutzt, um, beginnend ab 1992, mit Volldampf die Wohnhäuser der Genossenschaft wieder begehrlich zu machen, wieder annähernd „paradiesische“ Wohnbedingungen für seine Mitglieder zu schaffen. Dabei hatte zunächst die Instandsetzung das Primat Vorrang. Es ging um die Substanzsicherung deren Inhalt die Instandsetzung der Dächer, Fassaden, Fenster, Frisch- und Abwasserleitungen und Elektroanlagen bildeten. Eine wichtige Grundlage für die nächsten Schritte der Modernisierung.

Heute besitzen alle Mehrfamilienhauswohnungen und Reihenhäuser eine moderne Heizungs- und Warmwasserversorgung. Die Zaunanlage der Reihenhäuser, immerhin 2,5 km, konnte im 100. Jahr des Bestehens erneuert werden. Viele Baugenossen nutzten die Mietermodernisierungsprogramme der Investitionsbank Berlin und halfen durch Einsatz eigener Mittel die Wohnungen zu modernisieren. Trotz dieses umfassenden Aufbauwerkes in den vergangenen Jahren besitzt die Genossenschaft noch eine Eigenkapitalquote von 54 % und eine gesunde Liquidität.

 

Wohnpark Paradies Krumme Strasse

Parallel zu diesem umfassenden Substanzerhaltungsprogramm hat sich der Vorstand seit Anfang der 90iger-Jahre intensiv mit der Erweiterung des Wohnungsbestandes beschäftigt. Dazu war es notwendig, geeignetes Bauland zu finden. Das war aus Sicht des Vorstandes bis auf eine Teilfläche im Bereich der Krumme Strasse / Dahmestrasse / Waltersdorfer Strasse vorhanden. Es galt diese Teilfläche vom Land Berlin zu erwerben. Nach langjährigen Verhandlung war es dann am 14.02.2006 endlich so weit. Der Kaufvertrag wurde unterzeichnet. Es wurde zum vorhandenen Bauland eine angrenzende Fläche von 11.500 m² vom Land Berlin erworben. Damit bezifferte sich die zu bebauende/planende Fläche auf insgesamt 23.300m². Damit war die wichtigste Hürde genommen. Nun begann die Bauplanung. Dabei galt es die Traditionen der Genossenschaft zu bewahren und Konzeptionell neue Wohnungen zu gestalten. Aus diesen Überlegungen heraus entwickelte der Vorstand eine Konzeption für die Errichtung eines Wohnparks.

Wohnpark Krummestr.

 

Damit war klar, der Gartenstadtcharakter sollte erhalten bleiben aber moderne, der Zeit angemessene, bezahlbare Wohnungen, altengerecht bis barrierefrei und energieeffizient sollten gebaut werden. In einer außerordentlichen Mitgliederversammlung am 20. September 2007 fand das Bauvorhaben bei den Mitgliedern seine Zustimmung. Jetzt waren auch die genossenschafts-demokratischen Voraussetzungen für den Neubau geschaffen.
Im Februar 2008 begann die Erschließung des Baufeldes. Bereits am 12. November 2008 erfolgte die Grundsteinlegung für den Wohnpark. Nach nur 11 Monaten konnten die ersten Mieter am 01. Oktober 2009 ihre neuen Wohnungen beziehen. Bis zum Mai 2010 waren alle Wohnungen fertig gestellt. Die Arbeiten an den Außenanlagen gingen ebenfalls ihrem Ende entgegen.
Letztendlich entstanden auf der zur Verfügung stehenden Fläche,

9 Mehrfamilienhäuser mit
18 Zwei-Raumwohnungen (61,32 m²)
36 Drei-Raumwohnungen (84,97 m²)
3 Mehrfamilienhäuser mit
6 Zwei-Raumwohnungen (70,36 m²)
12 Vier-Raumwohnungen (100,31 m²)
1 Appartementhaus mit
24 Zwei-Raumwohnungen (59,32 / 61,00 / 63,33 m²)
mit Aufzug, seniorengerecht.
Der Zuwachs an vermietbarer Fläche durch den Neubau beträgt 7.285 m². Damit hat die Genossenschaft in einem Jahr ihre vermietbare Fläche um 20 % erweitert.

Eigenleistung und Mitbestimmung bei den Ausstattungen der Wohnungen haben Wunschvorstellungen von einem modernen und individuellen Wohnen für die kommende Generation Wirklichkeit werden lassen. Auch wenn die Lage auf dem Wohnungsmarkt derzeit einer starken Wandlung unterworfen ist, verfügt die Arbeiter-Baugenossenschaft Paradies e.G. über eine Warteliste von Wohnraumbewerbern und wir möchten die Wünsche auch dieser Mitglieder gern erfüllen.

Mit dem Wohnpark konnten wir die Tradition unserer Väter und Urgroßväter im „Paradies“ fortsetzen.